Mittwoch, 8. März 2017

Frauentag

Es ist Frauentag, und ausgerechnet heute kriege ich über den Elternverteiler der Schulklasse der Großen (9 Jahre) eine Mail mit dem Beschluss, die Jungen in unserem Hort bräuchten mehr speziell auf sie zugeschnittene Freizeitangebote. Es reicht anscheinend nicht, dass sie den Fußballplatz komplett für sich beanspruchen, während die Mädchen keinen Raum für sich reservieren. Ich weiß ja, worum es geht: die Jungs sind in letzter Zeit außer Rand und Band. Das macht es für alle schwer, denn das Lernen ist so gut wie unmöglich, wenn ständig jemand stört. Meine Tochter findet das ziemlich bescheiden. Sie mag es nicht, wenn die Lehrerin ständig genervt ist wegen des respektlosen Verhaltens der Jungen. Sie mag auch die Lautstärke im Klassenzimmer nicht. Ich weiß auch, dass die Lehrerin eine Theorie darüber hat, warum die Jungen in letzter Zeit so ein unsoziales Verhalten an den Tag legen. Es gab im Hort vor einiger Zeit einen Personalwechsel, und die neue Erzieherin legte Wert auf ein halbwegs ruhiges und ordentliches Verhalten im Hortzimmer. Da die Jungen einen größeren Bewegungsdrang haben als die Mädchen, so die Theorie, können sie ihre Energien nicht konstruktiv im Hortgebäude ausleben (draußen allerdings schon noch, denn es stand jederzeit jedem frei, in den Hof zu gehen), weshalb sie vormittags den Unterricht stören.

Zunächst mal: es gibt keine einzige ernstzunehmende Studie, die belastbare Hinweise darauf liefert, dass signifikante Unterschiede im Verhalten, zum Beispiel im Bewegungsdrang, tatsächlich durch das Geschlecht determiniert wären. Sehr wohl gibt es jedoch eine schier überwältigende Fülle an Hinweisen darauf, dass unsere oft unbewussten Erwartungen daran, wie sich Kinder eines bestimmten Geschlechts wohl verhalten werden, das tatsächliche Verhalten unserer Kinder prägen. Kinder haben praktisch von Geburt an sehr feine Antennen dafür, wer wen wie behandelt und wer zu welcher Gruppe gehört, zu welcher Gruppe sie selber gehören und welches Verhalten für sie demzufolge akzeptabel ist. Da können die Eltern noch so aufgeklärt sein und ihrer Tochter beharrlich den Bagger hinschieben. Ab einem gewissen Alter kriegen die Kinder trotzdem spitz, dass man als Mädchen malt, Bücher anguckt und mit Puppen spielt. Und vor allem kriegen sie eines spitz: dass man als Frau und Mädchen ganz viel Wert darauf legen muss, gemocht zu werden. Und gemocht wird man, wenn man sich anpasst. Nicht zu laut ist. Nicht zu wild ist. Nicht zu viele Forderungen stellt. Wenn man freundlich ist und gehorcht.

Es gibt nämlich ein Vokabular speziell für Mädchen, die sich nicht anpassen. Da wären beispielsweise „Hexe“ und „Zicke“ und auch mal „Diva“. Jungen, die sich nicht anpassen, heißen dagegen „typisch Junge“.

Mädchen sind in der Schule besser als Jungen. Darüber gibt es viel Unzufriedenheit. Man sucht die Fehler in der Schule. Anscheinend liegt es daran, dass die Lehrer oft Frauen sind. Die Frauen sind schuld. Nicht die Jungen und schon gar nicht deren Erziehung. Man stelle sich vor, es wäre andersherum: die Mädchen wären generell schlechter. Verbreitet wäre eine andere Theorie: dass Mädchen halt weniger intelligent sind. Dass Mädchen in den Naturwissenschaften der höheren Klassenstufen nachlassen, wird ja nicht nur unter vorgehaltener Hand damit begründet. („Naja, Mädchen und Logik halt.“) Dass Jungen durch die Bank jedoch schlechter sind, liegt eindeutig am System. Okay, es liegt vielleicht auch an den Jungen. Aber dann daran, dass sie so unkonventionell sind. Freigeister, die sich nicht anpassen. Die sich in kein Schema pressen lassen. Wie man es dreht und wendet, die Jungen kommen irgendwie immer gut dabei weg, die Mädchen und Frauen dagegen schlecht. Schon merkwürdig, wie das immer funktioniert.

Mal ganz ehrlich. Wen kümmert’s, wenn Jungen schlechter sind? Sie kriegen am Ende trotzdem die besseren Jobs. So, jetzt ist es raus. Erstens, weil sie keine Kinder kriegen können. Zweitens, weil Männern generell mehr zugetraut wird. Und drittens, weil sie im Job selbstbewusster auftreten. Weil sie ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Weil sie klar sagen, was sie wollen, und nicht um jeden Preis gefallen wollen. Weil sie sich nicht ohne Weiteres unterbrechen lassen, sondern eher selber mal dazwischenrufen, wenn ihnen was nicht passt. Schließlich wissen sie schon ihr ganzes Leben: so macht man das als Junge. Auch wenn die Lehrerin mal über mangelnde Disziplin meckert: ich höre doch, wie sie meinen Eltern erzählt, dass dies ein „typisches Jungsproblem“ ist. Und so weiß ich, dass mein Verhalten geschlechtskonform ist. Ich bin in Ordnung.

Seit Jahrzehnten werden der Gender Wage Gap und diverse gläserne Decken beklagt, seit Jahrzehnten wird im Gegenzug den Frauen dafür die Schuld in die Schuhe geschoben, weil sie Vorgesetzten und Kollegen gegenüber einfach keine klaren Ansagen machen, sondern lieber defensiv auftreten. Das hört sich doch angesichts der Art, wie wir ‑ heutzutage sogar wieder vermehrt ‑ Sexismus in der Erziehung leben, ein bisschen lächerlich an, oder nicht?

Ich bin übrigens überzeugt: wenn sich der Trend fortsetzt und eines Tages vielleicht 75% der Abiturienten Frauen sind, werden die Personaler beschließen, dass sie Musterschüler nicht mehr so gerne einstellen, weil diese so angepasst sind und nicht kreativ genug. Schon merkwürdig, wie das immer funktioniert.

Zurück zum Fußballplatz und den „Jungsaktivitäten“ (natürlich alles im weitesten Sinne „Sport“): Ich bin es einfach Leid, immer wieder das Gleiche zu sagen, nämlich dass man bestehende Rollenklischees nicht noch verfestigen sollte. Es ist für mich schwer zu fassen und unglaublich frustrierend, dass wir nach all den Jahren – will sagen: 30 Jahre nach meiner eigenen Grundschulzeit – nicht weiter sind, sondern uns rückwärts bewegen. Dabei stehe ich mit dieser Feststellung oft allein auf weiter Flur. Ich führe diese Diskussionen nicht erst seit gestern. Die erbittertsten Verfechter des Status Quo sind dabei fast immer Jungs-Mütter. (Mit Vätern diskutiere ich selten über Erziehung, die sind ja meistens arbeiten, wenn diese Diskussionen stattfinden.) Anscheinend fällt es unendlich schwer, die eigenen Erwartungen und subjektiven Erfahrungen auch mal kritisch zu hinterfragen. „Aber der Max hat schon im Mutterleib mehr getreten als die Emma!“ „Aber die Frieda steht ganz von allein auf Pink, das hat sie nicht von mir!“

Dabei werden die unterschiedlichsten Erfahrungen auch gern so zurechtgepresst, dass sie wieder ins Erwartungs-Schema passen. Wenn der Otto bei der Geburt schwerer war als die Emily, dann liegt es natürlich daran, dass er ein strammer Junge und sie ein zartes Mädchen ist. (Ganz egal, dass es statistisch gesehen beim Geburtsgewicht nur minimale Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.) Wenn die Anna vor dem Jonathan das Sprechen gelernt hat, dann liegt es natürlich daran, dass der Oskar seine Energie zu dem Zeitpunkt in die motorischen Fähigkeiten gesteckt hat. Oder sowas. (Auch hier wieder: zum Teufel mit der Statistik.) Wenn der Otto bei der Geburt schmächtiger gewesen wäre, wäre er halt ein Denkertyp, und wenn der Jonathan so früh gesprochen hätte, dann weil er so intelligent ist.

Wie ich schon sagte: schon merkwürdig, wie das immer funktioniert. Genauso merkwürdig wie die Bewertung weiblicher und männlicher Leistungen im Beruf und im Privatleben. Klar, am meisten kümmern sich Mütter um den Nachwuchs, Väter sind ja meistens zu beschäftigt. Aber wisst ihr, wer die Kinderbetreuung eigentlich viel toller hinkriegt als Mütter? Klar, Väter. Die sind so spontan. Die sind so körperbetont. Die sind so lustig und nicht so überbehütend. Mütter sind OK für den Alltag, Väter sind einfach der Wahnsinn. Und kochen, klar, kochen tun auch meistens Frauen. Aber wisst ihr, wer richtig toll kocht, so dass er damit berühmt werden kann und im Fernsehen auftritt? Klar, meistens ein Mann. Weil, öhm, weil halt. Weil Frauen für den Hausgebrauch OK sind, aber Männer eben das gewisse Etwas mitbringen. Und klar, die meisten Erzieher sind Frauen. Aber wisst ihr, wer richtig gut ist als Erzieher? Ein Mann, weil der a) siehe „Väter“ und b) nämlich Ruhe in den „Hühnerstall“ bringt (ja, mehrfach so gehört!) und deswegen gut fürs Arbeitsklima ist. Daher sollte am besten ein Mann das Team führen.

Was für ein Bild wird da von Frauen vermittelt und vor allem weitergetragen? Dass wir irgendwie nicht ganz zurechnungsfähig sind. Dass wir einen Mann brauchen, der uns sagt, wo’s langgeht. Und dass wir mangelhaft sind. Nicht mal die Sachen, die eine „Frauendomäne“ sind, können wir richtig gut. Neee du, das machen die Männer nur deswegen nicht, weil ihnen das zu langweilig ist. Wenn sie wollen, dann können die das, und sogar viel besser.

Frauen haben eigentlich keine „Domänen“. Die meisten so genannten Frauendomänen sind Männern gegenüber weitaus aufgeschlossener, als dies andersherum der Fall ist. Und da wären wir wieder beim Fußballplatz. Der ist an normalen Tagen eine mädchenfreie Zone. Wie soll sich ein Mädchen da heranwagen? Wie soll ein Mädchen sich ausprobieren in einem möglicherweise noch fremden Sport, wenn es weiß, dass es mit jedem verpatzten Schuss riskiert, eine ganz bestimmte Sorte Spott auf sich zu ziehen? Meine Tochter war drei Jahre alt, als ein Junge ihr zum ersten Mal sagte, sie könnte bestimmte Dinge nicht (in diesem Fall war es „Ritter sein“), weil sie ein Mädchen ist. Verhaltensstudien zeigen, dass die Angst vor Diskriminierung sehr viel stärker hemmt als die Angst vor einer negativen Wertung, die sich nur auf die individuelle Leistung bezieht. Dieses Phänomen kann man mit einem wachen Auge jeden Tag beobachten, wenn man zusieht, wie unsere Mädchen sich mit jedem Lebensjahr nicht mehr, sondern weniger (zu)trauen. 

Ich sage: es sollte mehr Bewegungsangebote nur für Mädchen geben und somit eine wertungsfreie Zone zur Verfügung gestellt werden. Die Jungen dürfen in der Zeit „Jungsbasteln“ und „Jungsmalen“ machen. Das ist meditativ und beruhigt.

Dienstag, 11. August 2015

Werdende Eltern in Deutschland: die Wahl zwischen Räucherstäbchen und Kaiserschnitt

Ich bin jetzt in der 40. Woche schwanger und gedenke, mit einer Beleghebamme in einer Klinik zu entbinden. Die Hebamme habe ich mir schon zu Beginn der Schwangerschaft gesucht und bewusst eine gewählt – es gibt in Leipzig noch aktuell drei, zwei davon sind in „meiner“ Hebammenpraxis tätig – die regelmäßig Beleggeburten in der Klinik macht (vor 8 Jahren waren es noch genug, um eine mehrseitige Liste zu füllen). Die1:1-Betreuung ist mir insbesondere nach einer nicht so schönen ersten Geburtserfahrung sehr wichtig, und wir lassen sie uns einiges kosten: 700 Euro zahlen wir aus der eigenen Tasche für die Rufbereitschaft der Hebamme, einen Zeitraum von fünf Wochen (bis zu 3 vor und 2 Wochen nach dem errechneten Termin), wo die Hebamme nicht wegfahren kann und ständig für uns über Handy erreichbar sein muss. (Würden wir im Geburtshaus entbinden, käme noch eine Betriebskostenpauschale von mehreren hundert Euro dazu, ebenfalls aus der eigenen Tasche zu bezahlen.) Zufällig fällt das Ende dieser Schwangerschaft ja mit einer Zeit zusammen, in der die Situation insbesondere der freiberuflichen Hebammen und damit die Situation der werdenden oder sich erweiternden Familien in den Medien hitzig diskutiert wird. Neben der schon in letzten Jahren immer wiederkehrenden Problematik der explodierenden Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung, die bereits massenhaft Hebammen zur Aufgabe ihres Berufs gezwungen hat, ist es derzeit ein Vorhaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, das die Gemüter in Wallung bringt. Wenn das Vorhaben umgesetzt wird, wird die an sich im Gesetz verankerte freie Wahl des Geburtsortes (also: Klinik, zu Hause oder im Geburtshaus) von werdenden Eltern extrem eingeschränkt. Außerdem gewinnt der errechnete Geburtstermin zusätzlich an Bedeutung; den Frauen drohen noch stärker als zuvor medizinisch unbegründete Eingriffe, wenn die Wehen nicht auf Kommando zum Geburtstermin oder ein bis zwei Tage danach einsetzen – alles im Interesse von Effizienz und Kalkulierbarkeit. Wer sich ein bisschen mit Geburten auskennt oder schon mal frischen Müttern zugehört hat, weiß, dass jeder unnötige Eingriff in diesen von der Natur so fein austarierten Prozess das Risiko erhöht, dass weitere – nun tatsächliche rettende ‑ Eingriffe nötig werden.

Was das alles kostet! Es kostet Glück und es kostet Gesundheit, vor allem langfristig, bei der Mutter und beim Baby, aber das sind Folgen, die man als Klinik getreu dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ sehr gut ignorieren kann. (Man denke bspw. an die Mikrobiomforschung und was sie uns alles über die langfristigen Auswirkungen von Kaiserschnitten verrät.) Und es kostet natürlich Geld. Sehr viel Geld, sogar kurzfristig. Jeder Kaiserschnitt schlägt mit ungefähr 3.000 Euro zu Buche – aber das zahlt die Krankenkasse, ohne mit der Wimper zu zucken, während der Luxusschnickschnack der individuellen Hebammenbetreuung zu einem Großteil den Eltern aufs Auge gedrückt wird, mit der Folge, dass die Krankenkassen finanziell enorm entlastet werden, denn eine 1:1-Betreuung ist der beste Garant für eine billige, weil komplikationsarme Geburt. Eine Spontangeburt in der Klinik kostet die Krankenkasse nur etwa 600 Euro – ein Schnäppchen, proudly sponsored by durchgedrehte Ökoeltern.

Aber eigentlich rege ich mich über etwas anderes noch viel mehr auf. Ich rege mich darüber auf, dass die rechtliche und finanzielle Situation der Hebammen eine Spaltung verschärft, die vielleicht ohnehin schon immer ein bisschen bestand oder die vielleicht auch erst durch die Politik ins Leben gerufen wurde. Die Spaltung, von der ich spreche, ist ein fest in den Köpfen verankerter Widerspruch zwischen „Bauchgefühl“ auf der einen Seite (der der Hebammen) und „Wissenschaftlichkeit“ auf der anderen, der medizinischen Seite. Die Leidtragenden sind natürlich die Eltern, denn von ihnen wird in vielen Situationen eine unmögliche Entscheidung verlangt. Ich rede von der Entscheidung, ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes kritiklos einer esoterisch angehauchten (wenn nicht komplett esoterisch indoktrinierten, ja sogar aluhutmäßig paranoiden), oft offen wissenschaftsfeindlichen Philosophie anzuvertrauen, oder es ebenso kritiklos einer Philosophie zu überlassen, die nicht minder realitätsfern ist, auch wenn sie das Gegenteil von sich behauptet. Die Herangehensweise der Ärzte hat mit Wissenschaft nicht halb so viel zu tun wie mit Abwälzung von Verantwortung, sprich mit Haftung und deren Vermeidung. Das ist alles, nur keine echte Verantwortung für Mutter und Kind, es ist ein extrem kurzsichtiges Berücksichtigen von Statistiken (wohlgemerkt NICHT von kausalen Zusammenhängen – den Unterschied stelle ich ja in meinem Buch deutlich heraus) und den daraus geschlossenen, oftmals an den Haaren herbeigezogenen „Risikofaktoren“ und deren Minimierung. Ein anderer Grund, warum Kliniken nicht für sich in Anspruch nehmen können, die Wissenschaft auf ihrer Seite zu haben, ist einer, der nicht nur für die Geburtshilfe gilt: Krankenhäuser und die medizinische Praxis generell hinken nun mal einfach 10-20 Jahre dem aktuellen Stand der Wissenschaft hinterher – weswegen man auch keinem Arzt in einer Geburtsklinik beim Thema Kaiserschnitt oder auch beim Thema „Antibiose beim Neugeborenen“ mit dem Wort „Mikrobiom“ als Argument zu kommen braucht.

Die Hebammen hingegen erwarten oft ausgerechnet von Eltern, die gerade ohnehin aufgrund von Aussagen von Medizinern extrem verunsichert sind, dass sie quasi von selbst einsehen, dass nur das Bauchgefühl, der innere Dialog mit dem Kind und eine mysteriöse Sicherheit, die „irgendwie von innen“ kommt, zählen. Wer diese innere Sicherheit nicht hat, der hat halt Pech und ist irgendwie doof und sowieso viel zu apparategläubig, ellabätsch, selber schuld. Weil ja auch Apparate immer abstoßend und schlimm sind. Mein Neffe wäre allerdings tot, wenn es keine Apparatemedizin und keine Feindiagnostik gäbe. Nur durch diese Untersuchung wurde festgestellt, dass er einen Herzfehler hat und direkt nach der Geburt operiert werden muss, um nicht spätestens 1-2 Tage nach der Geburt zu sterben. Aber solche Fälle werden von Hebammen leider nur allzu gerne ausgeblendet, oder vielleicht schaffen sie es ja sogar, sich einzureden, dass meine Schwägerin das irgendwie eigentlich im Gefühl hätte haben müssen, wenn sie wirklich im Einklang mit ihrem Körper, dem Universum und dem Zen und dem Yin und Yang gewesen wäre, was natürlich nicht geht, weil Impfungen und Ultraschalle einem die Chakren vernebeln und so weiter und so fort. Ich glaube, spätestens jetzt ist klar, was ich mit der unmöglichen Entscheidung meine, oder? Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Hebammensicht ist so, als würde man von einem ehemaligen Krebspatienten verlangen, dass er auf die Routineuntersuchungen in dem berühmten Fünfjahres-Kontrollzeitraum verzichtet, weil er es doch schließlich „im Gefühl“ haben müsste, wenn er ein Rezidiv bekommt. Wenn er das nicht tut, pffft, dann hat er sowieso den Draht zu seinem Körpergefühl verloren und ist am Ende sogar ein bisschen selber schuld, wenn er ein Rezidiv bekommt, nach dem Motto „selbsterfüllende Prophezeiung“ – wer kein Vertrauen in den eigenen Körper hat, der fordert ja Krankheiten regelrecht heraus, das ist alles Schicksal und ergibt alles irgendwie irgendwo einen abgedrehten Sinn. Die Arztsicht ist so, als würde man von demselben Patienten ständig verlangen, dass er sich vorsichtshalber operieren lässt, obwohl sehr wahrscheinlich das Ding auf dem Ultraschall kein Tumor, sondern ein Pickel ist. Absurdes Szenario, oder? Aber genau vor diese Wahl werden schwangere Frauen ständig gestellt, und die Parallele liegt darin, dass es durchaus ebenfalls um Leben oder Tod geht.

Ich musste zum Beispiel gestern in der Geburtsklinik ein Papier (einen so genannten „Aufklärungsbogen“, obwohl der nichts mit Aufklärung oder wissenschaftlichen Fakten zu tun hat – siehe oben) unterschreiben, auf dem steht, dass ich mich gegen eine ärztliche Maßnahme (nämlich eine sofortige Einleitung, weil mein Kind angeblich zu klein ist) entscheide, obwohl mir klar ist, dass meine Entscheidung bedeuten kann, dass mein Kind in utero stirbt. Das fühlt sich echt scheiße an, denn nein, ich finde es überhaupt nicht OK, wenn mein Kind stirbt, und nein, ich finde es auch nicht OK, wenn meine Entscheidung so gedeutet wird, als würde ich dies willentlich oder auch nur leichtsinnig in Kauf nehmen. Habt ihr eigentlich den Arsch offen, Ärzte, die Leute sowas unterschreiben zu lassen? Ich habe mich gegen euren bekloppten Rat entschieden, weil ich ihn medizinisch für kompletten Unfug halte und große Zweifel daran habe, dass ihr gute Gründe für diesen Rat habt – damit meine ich Gründe, die aus medizinischer, wissenschaftlicher Sicht haltbar sind. Aber da ihr einem ja nicht verratet, was wirklich genau dahinter steht (weil ihr es selber nicht wisst und nur irgendwelche QM-Richtlinien befolgt, deren Hintergrund ihr nicht kennt) und man daher nie hundertprozentig ausschließen kann, dass ihr nicht doch einen Wissensvorsprung habt, der diese Empfehlung zu einer vernünftigen Empfehlung macht, die wirklich in meinem Interesse ist, bleibt ein letzter Zweifel, und dieser Zweifel kann einen verrückt machen. Aber geh mal mit diesem Zweifel zu deiner Hebamme. Ich hab’s versucht, und ich wurde nur genauso von oben herab darüber belehrt, dass ich nun zu meinem gesunden Bauchgefühl zurückfinden müsste, um zu wissen, was richtig ist. Na vielen Dank auch.

Dieses „gesunde Bauchgefühl“ kann man auch realitätsverneinende Blauäugigkeit nennen: Unsere Nachbarin hat dank ärztlicher Intervention zwei so blöde Schwangerschaften und Geburten gehabt, dass sie aktuell bei ihrer dritten Schwangerschaft beschlossen hat, kein einziges Mal zum Arzt zu gehen. Sie hat also keinen einzigen Ultraschall machen lassen, nicht einmal zum errechneten Termin, denn sie hat gestern Nacht mit einer Hebamme zu Hause entbunden. Genau das ist die letzte Konsequenz aus dem Psychoterror, dem die Frauen und auch die werdenden Väter unterworfen werfen –man wird einerseits übervorsichtig und will sich nicht in die Fänge und Mühlen einer gnadenlosen medizinischen Überwachung begeben, der es vorrangig darum geht, den eigenen Arsch abzusichern, und andererseits unvorsichtig, nur eben in der anderen Richtung. Hätte das Kind einen schweren Herzfehler, wäre sein Schicksal nun besiegelt.

Warum muss ich mich entscheiden? Warum ist es werdenden Müttern nicht beschieden, die medizinischen Möglichkeiten zu nutzen, die die moderne Technik bietet, ohne sich ihr und den Fallstricken des ärztlichen „Risikomanagements“ zu unterwerfen? Ich habe es versucht – genau das war mein Plan, indem ich diese Variante der Beleghebamme in Kombination mit der Geburtsklinik und den Routineuntersuchungen beim Frauenarzt wählte. Und dennoch bin ich gescheitert und bin mit beiden Seiten des Systems zusammengerasselt. Das ist nicht OK, und es bestätigt, was ich schon die ganze Zeit innerlich anprangere: der vermeintliche Widerspruch zwischen weitgehend ungestörter Geburt und medizinischer Vernunft muss im Interesse von Eltern und Kind aufgelöst werden. Der nimmt nämlich sogar so absurde Züge an, dass sowohl Arzt als auch Hebamme in gewissen Situationen beleidigt sind, wann immer sie vermuten, dass man dem jeweils anderen mehr glaubt: die Eltern kommen in Erklärungsnot und müssen ihre Loyalität unter Beweis stellen oder sich für angeblich fehlende Loyalität rechtfertigen, wo es doch eigentlich die Dienstleister sein sollten, für die Loyalität gegenüber den werdenden Eltern und dem werdenden Leben eine Selbstverständlichkeit sein sollte.


P.S. Inzwischen habe ich entbunden (eine komplett interventionsfreie Wassergeburt von ganzen dreieinhalb Stunden, übrigens mit dem Ergebnis eines total gesunden und überhaupt nicht zu kleinen Kindes) und bin mit meiner Hebamme wieder versöhnt. Ich stehe inhaltlich zu dem, was ich in diesem Beitrag ausgeführt habe, nämlich dem Anprangern der Tatsache, dass Eltern wie ich sich wie zwischen zwei Stühlen sitzend fühlen. Dennoch empfinde ich jetzt, dass diese Ausführungen nicht komplett wären, wenn ich nicht betonen würde, wie gut ich bei meiner Hebamme aufgehoben war und dass diese Geburtserfahrung sicher anders und ungleich schlechter gelaufen wäre, hätte ich mich ohne eigene Hebamme in die Hände der Klinik begeben.

Donnerstag, 28. November 2013

Ghee - wie es richtig geht

NACHTRAG: Dies ist einer der letzten Blogeinträge zum Thema Ernährung und Gesundheit auf dieser Adresse. Alle vergangenen und zukünftigen Einträge zu diesem Thema gibt es künftig auf http://www.urgesundheit.de/. Dieser Blog widmet sich künftig Themen außerhalb von Ernährung.

Nachdem ich Euch ja in einem meiner letzten Blogposts gezeigt habe, wie man Ghee nicht macht, ist es höchste Zeit, noch einmal zu zeigen, wie es klappt.

Das funktioniert wie immer am besten anhand von Bildern.

Erstmal die Butter in Würfel schneiden und in einen Topf mit schwerem Boden geben.

Bei geringer Hitze schmelzen lassen.

Dabei ab und zu umrühren, damit alles schon gleichmäßig schmilzt.

Von dem Schaum kann man schon jetzt mal ein bisschen was abschöpfen.

Dann die Hitze hochdrehen und die Butter einmal kräftig aufwallen lassen (ohne Rühren).

Dann die Hitze weit herunterdrehen und die Butter ca. 30 Minuten köcheln lassen, dabei nicht mehr umrühren.

Dann ein Sieb auf eine Schüssel stellen und mit einem sauberen Küchentuch auslegen.

Wenn das Ghee so klar ist, dass man den Boden des Topfes sehen kann,...

... gießt man es ab. Die festen Milchbestandteile (hauptsächlich das Protein Casein) bleiben im Topf oder spätestens im Küchentuch hängen.

Dann sofort in saubere Gläser einfüllen...

... und diese verschließen.

Beim Abkühlen wird das Ghee so langsam wieder undurchsichtig...

... und im Kühlschrank sehr hart. So sieht es dann aus, wenn es angebrochen ist.

Warum mache ich Ghee selbst? Weil ich es dann aus Weidebutter machen kann. Meistens nehme ich Kerrygold. Weidebutter bzw. Ghee aus Weidebutter ist ein richtiges "Superfood". Es enthält die folgenden gesundheitsfördernden Substanzen: Omega 3, gesättigte Fettsäuren, CLA (konjugierte Linolsäuren) (alles hier beschrieben), Vitamin K2 (wichtig für die Integration von Calcium in die Knochen und den Schutz vor Verkalkung der Organe) und Butyrat (wichtig für eine stabile Darmschleimhaut).



Montag, 19. August 2013

Neue Erkenntnisse über den Zoo in uns

NACHTRAG: Dies ist einer der letzten Blogeinträge zum Thema Ernährung und Gesundheit auf dieser Adresse. Alle vergangenen und zukünftigen Einträge zu diesem Thema gibt es künftig auf http://www.urgesundheit.de/. Dieser Blog widmet sich künftig Themen außerhalb von Ernährung.

Heute geht es nicht um meinen eigenen Zoo, sondern den in uns allen ‑ und insbesondere um die Organismen, die bei der Entstehung von Morbus Crohn eine Rolle spielen. Dazu gibt es nämlich eine US-Studie, deren Ergebnisse diesen Monat im Journal of Clinical Gastroenterology veröffentlicht wurden. Rodrick J. Chiodini, Ph.D. (früherer Mitarbeiter der internistischen Abteilung des Texas Tech University Health Sciences Center in El Paso) und Kollegen forschten am Mikrobiom, also der Population aus Mikroorganismen im Darm.

Dabei verglichen sie Biopsien aus dem Darm von 14 Morbus-Crohn-Patienten mit solchen von 6 Patienten ohne Morbus Crohn. Erforscht wurde dabei sowohl das Mikrobiom auf der Darmschleimhaut (mukosal) als auch das unter der Darmschleimhaut (submukosal). Wie Dr. Chiodini mir freundlicherweise in einem Kurzinterview mitteilte, bestand das erste überraschende Ergebnis darin, dass es überhaupt ein submukosales Mikrobiom ‑ und zwar sowohl bei gesundem als auch bei krankem Gewebe ‑ gibt, denn bisher wurde angenommen, dass dieser Bereich bei intakter Schleimhaut relativ steril sein müsste. Er fuhr fort: „Bei Morbus-Crohn-Patienten ist die Zahl der Mikroorganismen unter der Schleimhaut um mehrere hundert Mal höher als bei Nichtbetroffenen.“

Weitere Fakten habe ich diesem Artikel entnommen. Die Haupterkenntnis aus der Studie ist nämlich, dass bei fast allen untersuchten Morbus-Crohn-Patienten unter der Schleimhaut charakteristische Vorkommen von besonderen Genen innerhalb des Mikrobioms existierten. Diese Gene verhelfen den mit ihnen assoziierten Spezies zu besonderer Virulenz (Widerstandsfähigkeit, Lebens- und Vermehrungsfähigkeit). Bei 43% der untersuchten Morbus-Crohn-Patienten waren dies Adhäsions- und Invasionsgene, die mit Proteobakterien assoziiert sind, und bei 50% der Patienten waren es zu Actinobakterien gehörige Transposonen (springende Gene). Interessanterweise schlossen sich die beiden Genvorkommen gegenseitig aus, so dass keiner der Patienten beide Phänomene aufwies. Insgesamt fand man also bei 93% der Morbus-Crohn-Patienten (13 von 14) eine gegenüber der Mukosa und den Vergleichspersonen deutlich erhöhte Zahl besonderer Virulenzgene im submukosalen Bereich; bei 7 Patienten waren zwei Gensequenzen dabei, die zur Identifikation des Mycobacterium avium paratuberculosis eingesetzt werden sind.

Das ist unglaublich, ich möchte fast sagen revolutionär! Damit wird trotz der geringen Größe der Studie eindrucksvoll gezeigt, dass
  1. Mikroorganismen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Morbus Crohn eine große Rolle, wenn nicht sogar die Rolle schlechthin spielen
  2. Morbus Crohn vermutlich keine einheitliche Entstehungsgeschichte hat, sondern mindestens zwei verschiedene, mit dem Eindringen und der Ausbreitung bestimmter Mikroorganismen in Zusammenhang stehende Wege in Frage kommen und
  3. diejenigen, die schon seit Jahrzehnten bei Morbus Crohn einen Zusammenhang mit dem Mycobacterium avium paratuberculosis vermuten (einer meldepflichtigen Infektion, die bei Rindern eine schwere, tödlich verlaufende Verdauungskrankheit auslöst und über Rindfleisch und Milchprodukte auf den Menschen übertragen werden kann), zumindest teilweise auf dem richtigen Dampfer sind.

Ich vermute, dass die Eindringlinge schon bestimmte Bedingungen vorgefunden haben müssen, zum Beispiel eine durch Antibiotika aus dem Gleichgewicht geratene „Darmflora“ (besser: Mikrobiom, denn es ist, wie wir wissen, kein Garten, sondern ein Zoo!), um sich so erfolgreich und dauerhaft breitmachen und festsetzen zu können. Ich hoffe, dass auf diesem Gebiet weiter geforscht wird ‑ und dass die Pharmaunternehmen nicht so zynisch sind, diese Forschungen absichtlich zu sabotieren. Ich bin sicher: es wäre nicht das erste Mal. Warum die Kuh schlachten, wenn man sie melken kann?

Sonntag, 14. Juli 2013

Fette Abhandlung

NACHTRAG: Dies ist einer der letzten Blogeinträge zum Thema Ernährung und Gesundheit auf dieser Adresse. Alle vergangenen und zukünftigen Einträge zu diesem Thema gibt es künftig auf http://www.urgesundheit.de/. Dieser Blog widmet sich künftig Themen außerhalb von Ernährung.

Meine Bloggerfreundin Mia hat mich kürzlich mit ihrer Bitte geehrt, für ihr tolles Low-Carb-und-auch-ziemlich-Paleo-Blog La Vida Lo Ca einen Gastbeitrag über ungesättigte Fettsäuren zu schreiben. Dem bin ich natürlich nur zu gerne nachgekommen, habe dabei aber gemerkt, dass ich schnell vom Hundertsten ins Tausendste komme. Daher habe ich irgendwann den Rotstift angesetzt und wieder Passagen rausgenommen, die über das Thema "ungesättigte Fettsäuren" hinausgingen. Aber trennen wollte ich mich doch nicht von ihnen, und so kommt hier eine kleine Abhandlung über gesättigte UND ungesättigte Fettsäuren.

Der Nährstoff Fett hat, um es vorauszuschicken, zu Unrecht sein Fett abbekommen, und dies schon mehrere Jahrzehnte lang. Kein anderer Makronährstoff wird so konsequent mit Verachtung gestraft, sei es von Seiten der Mediziner, Ernährungswissenschaftler, Sportler oder Abnehmwilligen. Eine Ausnahme wird gelegentlich bei bestimmten pflanzlichen Ölen gemacht; man denke an die vielbeachtete Empfehlung, sich „mediterran“ zu ernähren und dabei auch nicht am Olivenöl zu sparen. Da war doch was mit essentiellen Fettsäuren und „guten pflanzlichen Fetten“, die ungleich gesünder sind als das Wabbelschwabbel am Schinkenrand, das schon nach Cholesterin und Herzinfarkt riecht und schmeckt?

Tierische Fette - ihhhhhhh! Oder doch nicht?


Magerwahn

Die Besessenheit von möglichst magerem Fleisch hat schon längst so groteske Züge angenommen wie die Züchtung von Puten, die nicht mehr das Gleichgewicht halten können, weil ihnen eine solch überdimensionierte Brust angezüchtet wurde. Dies allein sollte einem schon zu denken geben, aber man hat sich in der Ernährungsindustrie ja schon an so vieles gewöhnt.

Vielleicht liegt es daran, dass es so bestrickend einfach klingt: Fett macht fett. Oder es liegt an der Lipid-Theorie von Ancel Keyes, der mit dieser in den 1950er Jahren Furore machte und die Bewertung dieses Nährstoffs für die Folgejahrzehnte nachhaltig beeinflusste, ungeachtet der Tatsache, dass er sich schließlich sogar von seiner eigenen Theorie distanzierte. Die Lipid-Theorie beruhte auf einer Studie, die den Konsum gesättigter (also großteils tierischer) Fette in vielen Ländern untersuchte und diese in Relation zu der Häufigkeit von Herzerkrankungen setzte. Die Theorie sagte Folgendes aus: Der Konsum von gesättigten Fettsäuren lässt das Cholesterin ansteigen, und hohes Cholesterin führt tendenziell zu Herzerkrankungen. Beide Schlussfolgerungen sind aus heutiger Sicht unhaltbar, ganz davon abgesehen, dass Keyes aus dubiosen Gründen nur Daten aus denjenigen Ländern auswertete, die in die Theorie passten, und damit ungefähr die Hälfte der erhobenen Daten letztlich ignorierte.

Jedes Gramm Fett enthält 9 Kilokalorien, während Protein und Kohlenhydrate nur mit jeweils 4 Kilokalorien pro Gramm aufwarten können. Damit hat Fett eine mehr als doppelt so große Energiedichte wie Protein und Eiweiß. Das klingt in unserer Diätgesellschaft vielleicht nicht unbedingt nach einem großen Pluspunkt für das Fett, aber wenn wir mal von unseren Steinzeitvorfahren ausgehen, die noch nicht im Kalorienüberfluss lebten und wo effiziente Nahrungsbeschaffung noch eine Frage des Überlebens war, wird vielleicht deutlich, dass Fett naturgemäß einen zentralen Stellenwert in unserer ursprünglichen Ernährung einnimmt.


Fett - der lebenswichtige Nährstoff

Gerade während der Entwicklung des Fötus und des Kindes sind es die gesättigten Fette, deren Bedeutung man nicht genug betonen kann. Wie der Zahnarzt Weston A. Price Anfang des 20.Jahrhunderts während seiner vergleichenden Studien von Eingeborenenstämmen und modernen Menschen beobachtete, führt eine fettarme Ernährung der schwangeren Frau vermehrt zu verkleinerten Kiefern und damit lebenslangen Zahnfehlstellungen des Kindes. Auch für die Entwicklung des Nervensystems, u.a. des Gehirns, ist eine gute Versorgung mit gesättigten Fettsäuren in der fötalen und frühkindlichen Entwicklung unerlässlich. Gesättigte Fettsäuren sorgen für Stabilität in allen Körperzellen (Zellmembranen bestehen zu 50% aus gesättigten Fettsäuren) und spielen eine wichtige Rolle beim Knochenaufbau; des Weiteren geben sie dem Körper unerlässliche Hilfestellung bei der Verwertung essentieller Fettsäuren.

Butter ist lecker und, wenn man nicht extrem empfindlich auf
Milchprodukte reagiert, gesund. Margarine? Fragt nicht!

Werden keine oder sehr wenige Kohlenhydrate gegessen, aber reichlich gesättigte Fettsäuren konsumiert, so wird das Gehirn niemals an einem Glucosemangel leiden, da die Leber in der Lage ist, aus Fett und Protein seine eigene Glucose herzustellen.

Gesättigte Fettsäuren führen also nicht nur nicht zu Arterienverkalkung und Herzinfarkt, sondern sind unerlässlich für das Gedeihen des menschlichen Körpers. Chemisch gesehen sind gesättigte Fettsäuren aufgebaut wie ein perfekter, symmetrischer Reißverschluss, denn jede Kohlenstoffverbindung in der Kette ist mit einem Wasserstoffatom „versorgt“.

Wie sieht es aber nun mit den pflanzlichen Ölen aus, von denen man so viel Gutes oder zumindest weniger Schlechtes hört?

Die beliebtesten und billigsten pflanzlichen Öle wie z.B. Sonnenblumenöl und Distelöl enthalten viele mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Per definitionem sind ungesättigte Fettsäuren (PUFA = polyunsaturated fatty acids) immer weniger stabil als gesättigte Fettsäuren, da ihren Kohlenstoffverbindungen an einer (einfach ungesättigt) oder mehreren (mehrfach ungesättigt) Stellen ein Wasserstoffatom fehlt, weswegen sie an diesen Stellen doppelte Kohlenstoffverbindungen aufweisen. Instabil bedeutet bei Fettsäuren, dass sie auf Kontakt mit Sauerstoff sowie Wärme und Licht mit Oxidation reagieren, was nichts anderes aussagt, als dass sie schnell ranzig werden. Viele von diesen Ölen sind schon beim Kauf ranzig, z.B. weil bei der Extraktion Hitze entsteht oder sie zu lange gelagert wurden. Ranzigkeit ist nicht allein ein Problem des Geschmacks, sie stellt ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar. Oxidierte Fettsäuren begünstigen entzündliche Prozesse und sogar die Entstehung von Krebs im menschlichen Körper. Selbst wenn ein solches PUFA-Öl beim Konsum noch nicht ranzig ist, so ist davon auszugehen, dass spätestens im Körper einige dieser instabilen Fettsäuren oxidieren und über das LDL-Cholesterin in alle Körperregionen gelangen, wo sie für Entzündungen sorgen. PUFAs können aufgrund ihrer Instabilität (ihrer „offenen“ Kohlenstoffverbindungen) darüber hinaus im Körper willkürliche und damit schädliche Verbindungen mit Zuckern und Proteinen eingehen, die toxische Nebenprodukte bilden.

Die meisten Pflanzenöle sollte man gar nicht erhitzen,
jedenfalls wenn in ihnen die PUFAs überwiegen.

Wird ein solches Öl über den (recht niedrigen) Rauchpunkt hinaus erhitzt, so kommt noch ein weiterer Prozess hinzu, der chemisch genau das Gegenteil von Oxidation ist, aber nicht minder schädlich: Hydrierung, auch bekannt als Bildung von Transfettsäuren. Der menschliche Körper weiß nicht, was er mit diesen degenerierten Fettbestandteilen anfangen soll und baut sie deswegen nach dem Zufallsprinzip in Gewebe ein, wo sie unberechenbare Kettenreaktionen auslösen, die ebenfalls zu schwerwiegenden, systemischen Entzündungen oder gar Krebs führen können.


Die Guten, die Schlechten und die Schlechtgewordenen

Oliven-, Macadamianuss- und Avocadoöl unterscheiden sich von den meisten anderen Pflanzenölen dadurch, dass sie mehr einfach ungesättigte Fettsäure (auch Omega-9- oder Ölsäure genannt) enthalten und dementsprechend auch höher erhitzt werden dürfen. Insgesamt ist bei diesen drei Ölen das Risiko, oxidierte Fettsäuren oder gar Transfettsäuren zu sich zu nehmen, deutlich reduziert.

Zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren gehören auch die Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren. Hier tritt ein weiteres Problem der pflanzlichen Öle zutage: Nämlich, dass beinahe alle ein ausgesprochen ungünstiges Omega-3-Omega-6-Verhältnis haben. Omega 3 und Omega 6 sind so genannte essentielle Fettsäuren, da der Körper sie nicht selbst bilden kann. Letzteres allein ist allerdings noch kein Hinweis darauf, dass wir sie überhaupt brauchen; und selbst wenn dies bejaht wird, weiß keiner so recht, wie viel davon gebraucht wird (von den Lebensgewohnheiten indigener Völker ausgehend ist es vermutlich nicht sehr viel). Omega-6-Fettsäure in Form von Linolsäure ist unbestritten entzündungsfördernd, wenn ihr Gegenspieler Omega 3 fehlt. Ein Verhältnis von 1:1 beim Konsum von Omega 3 und Omega 6 ist idealerweise anzustreben; und bei unseren Vorfahren entsprach dieses Verhältnis wohl auch ungefähr der Realität. Unsere heutige Realität sieht so aus, dass beispielsweise ein Durchschnittsamerikaner an einem Durchschnittstag ungefähr 20mal so viel Omega 6 wie Omega 3 zu sich nimmt.

Omega 3 gibt es zunächst in der Form von Alpha-Linolensäure. Diese befindet sich in pflanzlichen Ölen bzw. deren Rohstoffen wie Nüssen und Samen. Alpha-Linolensäure (ALA) ist für den Menschen nur begrenzt nützlich, da der menschliche Körper sie erst in EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) umwandeln muss. In diesen beiden letzteren Formen ist Omega 3 bereits im Fett von Fischen, von Krill, in Hühnereidottern und z.B. im Fett des Fleisches und der Milchprodukte vom Weiderind vorhanden. Die Umwandlung von ALA in zunächst EPA und dann DHA im menschlichen Körper gelingt umso schlechter, je mehr Linolsäure (die wichtigste Art von Omega 6) vorhanden ist, da diese mit ALA (dem „pflanzlichen“ Omega 3) um das Enzym Delta-6-Desaturase konkurriert, das für die Umwandlung von ALA in EPA verantwortlich ist.


Gutes Omega-6?

Um es noch ein wenig zu verkomplizieren, enthalten z.B. Borretschöl, Nachtkerzenöl und Hanföl eine Omega-6-Fettsäure, die anscheinend, anders als man es von Omega-6 erwarten würde, entzündungshemmende Eigenschaften hat. Diese Omega-6-Fettsäure heißt Gamma-Linolensäure. Zwar wird auch die entzündungsfördernde Omega-6-Fettsäure namens Linolsäure (s.o.) im Körper in Gamma-Linolensäure umgewandelt; wenn letztere aber mit der Nahrung aufgenommen wird, ist sie anscheinend unschädlich. Dies liegt daran, dass sie eben schon umgewandelt ist und daher das Enzym Delta-6-Desaturase nicht benötigt, es also der ALA-Omega-3-Fettsäure bei ihrer Umwandlung in entzündungshemmendes EPA nicht streitig macht. Die Öle mit einem hohen Anteil von Gamma-Linolensäure haben aber für die Ernährung keine große Bedeutung und kommen eher in der alternativen Medizin zum Einsatz.


Omega-3: ein Sensibelchen

Die wenigen pflanzlichen Öle, die einen höheren Omega-3- als Omega-6-Anteil aufweisen, sind Untersuchungen zufolge sogar noch instabiler als die übrigen, oxidieren also noch schneller und vertragen noch weniger oder gar keine Hitze. Daher sind beispielsweise Leinöl und Rapsöl gänzlich ungeeignet zum Kochen oder Braten, geschweige denn Frittieren. Man sollte sie auch nur in kleinen Flaschen kaufen, die man schnell aufbraucht, und diese im Kühlschrank aufbewahren. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für ganze oder gemahlene Lein- oder Chiasamen, deren Nutzen in Gebäck aufgrund ihres Fettsäureprofils entsprechend fraglich ist.

Allerdings möchte ich noch darauf hinweisen, dass auch das Omega 3 tierischer Herkunft (EPA und DHA) empfindlich ist und oxidieren kann. Daher ist es beispielsweise ratsam, Fisch nicht zu stark zu erhitzen; eine Zubereitung im Backofen bei maximal 150 Grad Celsius ist aus meiner Sicht empfehlenswert.

Halten wir fest: Tierische Fette sind viel besser als ihr Ruf, egal ob es um gesättigte oder ungesättigte Fettsäuren geht. Sie sind tatsächlich sogar sehr wertvoll. Von den pflanzlichen Ölen sind eigentlich nur die empfehlenswert, die mehr Ölsäure als ungesättigte Fettsäuren enthalten.


CLA - fast schon Medizin

Und als ob tierische Fette nicht schon großartig genug wären, enthalten diejenigen, die von artgerecht gehaltenen und vor allem gefütterten Wiederkäuern stammen, noch eine ganz besondere Substanz namens konjugierte Linolsäure (CLA). Diese Fettsäure besitzt so vielversprechende immunmodulierende Eigenschaften, dass schon über eine Verwendung als Medikament zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen nachgedacht wurde.

Gute Fette, jedenfalls wenn man sie ordentlich behandelt.

Fazit

Kochen und braten sollte man also z.B. in Schweine-, Gänse- oder Entenschmalz, Rindertalg oder Butterschmalz (Ghee). Ein weiteres sehr gut für diese Zwecke geeignetes Fett ist das Kokosfett. Unter den pflanzlichen Ölen bilden tropische Öle wie Kokosfett und rotes Palmöl gewissermaßen eine Ausnahme, weil in ihnen die gesättigten Fettsäuren bei weitem überwiegen. Einen Hinweis darauf liefert ihre Konsistenz: ebenso wie beispielsweise Schmalz sind sie bei gewöhnlicher Zimmertemperatur fest bzw. cremig. Daher gibt es z.B. Kokosfett (auch Kokosöl genannt) nicht in Flaschen, sondern in Gläsern. Palmöl ist aus ökologischen Gründen bedenklich, da für seinen Anbau Raubbau an der Natur betrieben wird. Kokosfett gibt es in desodorierter und duftender bzw. nativer Form. Desodoriertes Kokosfett ist sehr günstig in den Kühlregalen der meisten Supermärkte erhältlich, z.B. von der Marke Othüna, als in Alupapier verpackte Würfel. Duftendes Kokosfett dagegen findet man eher in Onlineshops (z.B. Dr. Goerg) oder in Bioläden (z.B. die Marke Rapunzel, bei der „Kokosfett“ das desodorierte und „Kokosöl“ das duftende Produkt bezeichnet).

Natives Kokosfett bietet eine Reihe weiterer gesundheitlicher Vorteile; unter anderem enthält es Stoffe, die als entzündungshemmend gelten, und ist bei äußerer wie innerlicher Anwendung antimikrobiell.


Quellen

Bei Durchsicht der folgenden Quellen entgeht dem aufmerksamen Leser nicht, dass ich ein gewisses Faible für Mark Sisson habe, was seine Erklärungen rund um Fett und Cholesterin angeht. Ich bin aber auch ein großer Fan von Mary Enig, die mit der Weston A. Price Foundation zusammenarbeitet und bereits vor Transfettsäuren warnte, als man diese noch für ein Hirngespinst hielt – heute sind die Gefahren der Transfettsäuren gut dokumentiert und werden nicht mehr bestritten.



Samstag, 29. Juni 2013

Fresspaket, verbranntes Ghee und Majonnaise

NACHTRAG: Dies ist einer der letzten Blogeinträge zum Thema Ernährung und Gesundheit auf dieser Adresse. Alle vergangenen und zukünftigen Einträge zu diesem Thema gibt es künftig auf http://www.urgesundheit.de/. Dieser Blog widmet sich künftig Themen außerhalb von Ernährung.

Heute hatten wir den Paketboten wieder mal besonders lieb, auch wenn wir ihn nicht mit hysterischem Geschrei begrüßt haben wie in der Werbung. Er hat uns nämlich heute ein Fresspaket von meinen Eltern aus München gebracht. Warum Essen aus München? Weil dort der fantastische Metzger Herrmannsdorfer seine Verkaufsstellen hat. Der macht aus den vermutlich glücklichsten Schweinen der Republik Wurst und Schinken ohne gesundheitsschädliche Zusätze.


Und DHL war sogar so nett, sich für uns ganz besonders zu beeilen, so dass das Paket nur einen Tag unterwegs war. Da die Wurst keine Konservierungsstoffe (abgesehen von Pökelsalz, und selbst dies nicht bei allen Produkten) enthält, wäre es schlecht gewesen, wenn das Wetter wärmer und der Transportweg länger gewesen wäre.

Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder Ghee (Butterschmalz) gemacht. Ich mache das immer so ungefähr nach dem Rezept von Kikilula, einer befreundeten Jägerin und Sammlerin. Wegen der guten Omega-3-/Omega-6-Bilanz und der für Autoimmerkrankungen wichtigen CLA (konjugierten Linolsäure) achte ich beim Kauf des Rohmaterials aka Butter immer auf Weidehaltung bzw. Gras-/Heufütterung. Darum kaufe ich immer entweder Kerrygold-Butter oder aber die gute Demeter-Butter (von nicht-enthornten Kühen! das ist auch wichtig für die Milch!) aus dem Bioladen. Diesmal gab es allerdings "nur" Bio-Alpenbutter. Und so sah das dann aus:



Und so sollte man es nicht machen:


Wenn ich das nächste Mal über ein Kilo sauteure Butter verbrenne, versuche ich ein Foto zu machen, bevor ich sie fluchend ins Klo kippe, versprochen ;-) Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich falsch gemacht habe, normalerweise klappt es eigentlich immer. Ein Grund war vielleicht der billige IKEA-Topf; normalerweise nehme ich immer einen mit einem noch schwereren Boden. Die Hitze könnte auch ein wenig zu hoch gewesen sein, denn man soll die Butter ja nur einmal kräftig aufkochen lassen und dann 20-30 Minuten köcheln lassen; sie hat vielleicht ein bisschen zu doll geköchelt diesmal. Und außerdem habe ich, wie man sieht, die Butter diesmal nicht in Würfel geschnitten, bevor ich sie in den Topf gegeben habe - womöglich war dies schon ein erster Fehler. Nun ja, beim nächsten Mal bin ich einfach wieder ein wenig aufmerksamer. Wenn so etwas zur Routine wird, fängt man eben auch manchmal an, ein bisschen zu schlampen.

Natürlich könnte ich auch im Bioladen fertiges Ghee kaufen, aber da bin ich mir dann immer noch nicht sicher, ob es Grasfütterung war oder ob die armen Kühe Biosoja bekommen haben, was sie ja dann auch zu Biokühen machen würde, aber ganz sicher nicht zu gesunden Kühen. Außerdem kostet Bio-Ghee ungefähr 5 bis 7 Euro pro 500 Gramm, ist also noch einen Zacken teurer als selbstgemachtes.

Hier übrigens noch ein Foto von meinem restlichen Bioladen-Einkauf (außer der Butter, die ging zum Zeitpunkt des Fotos bereits im Kochtopf ihrem traurigen Schicksal entgegen). Wie man sieht, habe ich unter anderem Rohmilch gekauft - für die Familie und zum Kefir- und Joghurtmachen. Für die beiden letzteren Einsätze muss ich sie allerdings kurz abkochen, sonst klappt die Fermentiererei nicht so gut bzw. ist unberechenbar. Die Demeter-Sahne mische ich immer mit der Milch im Verhältnis 50/50, wenn ich Joghurt mache, und manchmal auch beim Kefir.




Außerdem noch im Bild: Sonnenblumenöl der Sorte "High-Oleic" - das ist die Flasche, auf der "Bratöl" steht. Dieses Öl kaufe ich immer nur zu dem einen Zweck, nämlich um Majonnaise daraus zu machen. Die Sorte "High-Oleic" bedeutet, dass die verwendeten Sonnenblumenkerne und damit auch das Öl besonders viel Ölsäure, mit anderen Worten einfach ungesättigte Fettsäure enthält. Damit ist es besseres Öl als reguläres Sonnenblumenöl, welches einen viel höheren Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren und vor allem an Omega-6 (entzündungsfördernd) enthält. Bei beiden essentiellen Fettsäuren (Omega-3, welches eigentlich der "gute" Gegenspieler von Omega-6 ist, und Omega-6 selbst, welche beide zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren zählen) ist das Problem, dass sie bei Hitze oxidieren und dann gesundheitsschädlich, z.B. entzündungsfördernd und krebserregend, werden. Deswegen nennen sie diese Sorte eben auch "Bratöl", weil dieses Öl nicht so schnell oxidiert. Ich könnte natürlich auch ein anderes Öl wie z.B. Olivenöl, welches ebenfalls mehr Ölsäure als PUFA (poly-unsaturated fatty acids = ungesättigte Fettsäuren) enthält, für Majonnaise nehmen; aber bei Majo ist das Problem, dass fast alle Öle einen zu aufdringlichen Eigengeschmack mitbringen. Olivenöl macht die Majo richtig bitter. Macadamianussöl hat ebenfalls ein sehr gutes Fettsäurenprofil und ist in Majo deliziös, aber auch sehr teuer; daher mische ich für Majo aktuell immer ein wenig Macadamianussöl mit viel High-Oleic Sonnenblumenöl. Das ist dann ein guter Kompromiss und schmeckt himmlisch.

Wer mehr zum Thema "Gesunde Fette" wissen will, kann sich hier einen Überblick verschaffen (rein zufällig habe ich bei dem Artikel mitgewirkt ;-) ).

Jetzt muss ich natürlich noch verraten, wie man Majo macht, falls jemand das noch nie probiert hat. Man vermischt im Mixbehälter des Pürierstabs den Saft einer halben Zitrone ODER einen Teelöffel Apfelessig mit einer Prise Salz und einer Prise Senfpulver (die Säure und das Senfpulver helfen beim Emulgieren). Dann fügt man wahlweise 2 ganze Eier oder 2-3 Eigelbe zu der Mischung hinzu und püriert das Ganze kurz. Dann lässt man, anfangs tröpfchenweise, das Öl hineinlaufen und mischt es kontinuierlich mit dem Pürierstab unter. Wenn sich abzeichnet, dass die Emulgierung gelingt, kann man das restliche Öl ein wenig zügiger zugeben und am Ende im dünnen Strahl hineingießen. Man braucht ungefähr 200-250 ml Öl.

Wenn die Majo einmal nicht gelingt und man statt ihr am Ende eine Öl-Eisuppe hat, nicht verzweifeln und nicht wegschütten. Statt dessen fängt man einfach noch einmal von vorne an, diesmal mit der Kombi Hand + Schneebesen + Rührschüssel sowie mit Säure + Salz + Senfpulver, aber nur einem einzigen Eigelb. Statt des Öls gibt man natürlich diesmal gaaaaanz behutsam die Öl-Eisuppe dazu. So lässt sich die Majo zuverlässig retten.

Montag, 24. Juni 2013

LDN - Low Dose Naltrexone

NACHTRAG: Dies ist einer der letzten Blogeinträge zum Thema Ernährung und Gesundheit auf dieser Adresse. Alle vergangenen und zukünftigen Einträge zu diesem Thema gibt es künftig auf http://www.urgesundheit.de/. Dieser Blog widmet sich künftig Themen außerhalb von Ernährung.

Für diejenigen unter meinen Lesern, die an einer Autoimmunerkrankung bzw. einer Erkrankungen mit unklarer Beteiligung des Immunsystems leiden (wie es bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn der Fall ist), ist hoffentlich dieser Eintrag von Interesse.

Zusätzlich zu meiner speziellen Ernährung nehme ich seit ca. 18 Monaten ein Off-Label-Medikament namens LDN. Diese Abkürzung steht für Low-Dose Naltrexone (niedrig dosiertes Naltrexon). Naltrexon in seiner normalen Dosierung (50 mg) ist eigentlich ein Medikament für den Drogenentzug. Es blockiert die Opioidrezeptoren, so dass ein Opiatmissbrauch keine berauschende Wirkung hätte.

LDN ist in der Dosierung etwa ein Zehntel so hoch. Grob gesagt liegt die übliche Tagesdosis - die individuell ermittelt werden muss - zwischen 2 und 7 mg. Es ist nicht auf Kassenrezept verfügbar, da es sich nicht um ein zugelassenes Medikament handelt. Es wurden aber schon Studien durchgeführt, die zeigen konnten, dass LDN einen sehr positiven Einfluss auf den Verlauf von Autoimmunerkrankungen hat. Anfänglich wurde es nur für Multiple Sklerose eingesetzt, jetzt findet es bei allen anderen Autoimmunerkrankungen Anwendung.

Es wird vermutet, dass durch die Einnahme von LDN kurzfristig die Opiodrezeptoren blockiert werden (weshalb man im Falle einer einmaligen Dosis diese normalerweise abends vor dem Schlafengehen einnimmt), was dazu führt, dass in der Folge vom Körper vermehrt körpereigene Opioide, nämlich Endorphine ausgeschüttet werden. Endorphine haben erwiesenermaßen eine stabilisierende und stärkende Wirkung auf das Immunsystem; es konnte gezeigt werden, dass Patienten mit Autoimmunerkrankungen weniger Endorphine bilden als gesunde Menschen.

Ich habe mit 0,5 mg pro Tag angefangen und sehr langsam gesteigert, bis ich an meinem deutlich verbesserten Zustand bemerkte, dass ich die für mich optimale Dosis erreicht hatte. Diese liegt in meinem Fall bei 3,5 mg zweimal pro Tag (morgens und abends), also einer Tagesdosis von 7,0 mg, was relativ hoch ist.

Die Kombination Ernährung / LDN / FMT hat es mir ermöglicht, seit 2 Jahren keine (weiteren) Medikamente zu nehmen. Das hätte vorher wohl niemand für möglich gehalten, am allerwenigsten meine behandelnden Ärzte.

LDN muss man sich verschreiben lassen. Es gibt einige Apotheken im In- und Ausland (compounding pharmacies), die LDN aus Naltrexon herstellen und versenden. Es gibt auch Listen mit Ärzten, die es nach telefonischer Beratung verschreiben. Alternativ kann man sich Naltrexon verschreiben lassen und LDN selbst durch Verdünnung mit abgekochtem Wasser herstellen; dies ist völlig unkompliziert. Im Fall von flüssigem LDN zieht man sich die Dosis einfach in eine (nadellose) Spritze auf und leert diese in seinen Mund. In Kapselform ist LDN bei diversen Apotheken ebenfalls erhältlich; dies ist aus meiner Sicht jedoch weniger empfehlenswert, da man bei der Dosierung keine Flexibilität hat.

LDN hat keine bekannten längerfristigen Nebenwirkungen. Anfangs können Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Albträume und in seltenen Fällen erhöhte Leberwerte auftreten. Diese unerwünschten Wirkungen verschwinden jedoch spätestens nach den ersten Wochen.

Hier einige wichtige Links zum Thema:

Yahoo-Gruppe LDN in Deutschland: http://de.groups.yahoo.com/group/ldn-deutschland/
Facebook-Gruppe LDN in Deutschland:
https://www.facebook.com/groups/315938001858805/
Deutschsprachiges Buch zum Thema: http://tinyurl.com/q48lh3h
Private Aufklärungsseite: http://www.ldnhilft.org/was_ist_ldn.html
Englischsprachige Standardressource: http://www.lowdosenaltrexone.org/