Dienstag, 11. August 2015

Werdende Eltern in Deutschland: die Wahl zwischen Räucherstäbchen und Kaiserschnitt

Ich bin jetzt in der 40. Woche schwanger und gedenke, mit einer Beleghebamme in einer Klinik zu entbinden. Die Hebamme habe ich mir schon zu Beginn der Schwangerschaft gesucht und bewusst eine gewählt – es gibt in Leipzig noch aktuell drei, zwei davon sind in „meiner“ Hebammenpraxis tätig – die regelmäßig Beleggeburten in der Klinik macht (vor 8 Jahren waren es noch genug, um eine mehrseitige Liste zu füllen). Die1:1-Betreuung ist mir insbesondere nach einer nicht so schönen ersten Geburtserfahrung sehr wichtig, und wir lassen sie uns einiges kosten: 700 Euro zahlen wir aus der eigenen Tasche für die Rufbereitschaft der Hebamme, einen Zeitraum von fünf Wochen (bis zu 3 vor und 2 Wochen nach dem errechneten Termin), wo die Hebamme nicht wegfahren kann und ständig für uns über Handy erreichbar sein muss. (Würden wir im Geburtshaus entbinden, käme noch eine Betriebskostenpauschale von mehreren hundert Euro dazu, ebenfalls aus der eigenen Tasche zu bezahlen.) Zufällig fällt das Ende dieser Schwangerschaft ja mit einer Zeit zusammen, in der die Situation insbesondere der freiberuflichen Hebammen und damit die Situation der werdenden oder sich erweiternden Familien in den Medien hitzig diskutiert wird. Neben der schon in letzten Jahren immer wiederkehrenden Problematik der explodierenden Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung, die bereits massenhaft Hebammen zur Aufgabe ihres Berufs gezwungen hat, ist es derzeit ein Vorhaben des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen, das die Gemüter in Wallung bringt. Wenn das Vorhaben umgesetzt wird, wird die an sich im Gesetz verankerte freie Wahl des Geburtsortes (also: Klinik, zu Hause oder im Geburtshaus) von werdenden Eltern extrem eingeschränkt. Außerdem gewinnt der errechnete Geburtstermin zusätzlich an Bedeutung; den Frauen drohen noch stärker als zuvor medizinisch unbegründete Eingriffe, wenn die Wehen nicht auf Kommando zum Geburtstermin oder ein bis zwei Tage danach einsetzen – alles im Interesse von Effizienz und Kalkulierbarkeit. Wer sich ein bisschen mit Geburten auskennt oder schon mal frischen Müttern zugehört hat, weiß, dass jeder unnötige Eingriff in diesen von der Natur so fein austarierten Prozess das Risiko erhöht, dass weitere – nun tatsächliche rettende ‑ Eingriffe nötig werden.

Was das alles kostet! Es kostet Glück und es kostet Gesundheit, vor allem langfristig, bei der Mutter und beim Baby, aber das sind Folgen, die man als Klinik getreu dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ sehr gut ignorieren kann. (Man denke bspw. an die Mikrobiomforschung und was sie uns alles über die langfristigen Auswirkungen von Kaiserschnitten verrät.) Und es kostet natürlich Geld. Sehr viel Geld, sogar kurzfristig. Jeder Kaiserschnitt schlägt mit ungefähr 3.000 Euro zu Buche – aber das zahlt die Krankenkasse, ohne mit der Wimper zu zucken, während der Luxusschnickschnack der individuellen Hebammenbetreuung zu einem Großteil den Eltern aufs Auge gedrückt wird, mit der Folge, dass die Krankenkassen finanziell enorm entlastet werden, denn eine 1:1-Betreuung ist der beste Garant für eine billige, weil komplikationsarme Geburt. Eine Spontangeburt in der Klinik kostet die Krankenkasse nur etwa 600 Euro – ein Schnäppchen, proudly sponsored by durchgedrehte Ökoeltern.

Aber eigentlich rege ich mich über etwas anderes noch viel mehr auf. Ich rege mich darüber auf, dass die rechtliche und finanzielle Situation der Hebammen eine Spaltung verschärft, die vielleicht ohnehin schon immer ein bisschen bestand oder die vielleicht auch erst durch die Politik ins Leben gerufen wurde. Die Spaltung, von der ich spreche, ist ein fest in den Köpfen verankerter Widerspruch zwischen „Bauchgefühl“ auf der einen Seite (der der Hebammen) und „Wissenschaftlichkeit“ auf der anderen, der medizinischen Seite. Die Leidtragenden sind natürlich die Eltern, denn von ihnen wird in vielen Situationen eine unmögliche Entscheidung verlangt. Ich rede von der Entscheidung, ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes kritiklos einer esoterisch angehauchten (wenn nicht komplett esoterisch indoktrinierten, ja sogar aluhutmäßig paranoiden), oft offen wissenschaftsfeindlichen Philosophie anzuvertrauen, oder es ebenso kritiklos einer Philosophie zu überlassen, die nicht minder realitätsfern ist, auch wenn sie das Gegenteil von sich behauptet. Die Herangehensweise der Ärzte hat mit Wissenschaft nicht halb so viel zu tun wie mit Abwälzung von Verantwortung, sprich mit Haftung und deren Vermeidung. Das ist alles, nur keine echte Verantwortung für Mutter und Kind, es ist ein extrem kurzsichtiges Berücksichtigen von Statistiken (wohlgemerkt NICHT von kausalen Zusammenhängen – den Unterschied stelle ich ja in meinem Buch deutlich heraus) und den daraus geschlossenen, oftmals an den Haaren herbeigezogenen „Risikofaktoren“ und deren Minimierung. Ein anderer Grund, warum Kliniken nicht für sich in Anspruch nehmen können, die Wissenschaft auf ihrer Seite zu haben, ist einer, der nicht nur für die Geburtshilfe gilt: Krankenhäuser und die medizinische Praxis generell hinken nun mal einfach 10-20 Jahre dem aktuellen Stand der Wissenschaft hinterher – weswegen man auch keinem Arzt in einer Geburtsklinik beim Thema Kaiserschnitt oder auch beim Thema „Antibiose beim Neugeborenen“ mit dem Wort „Mikrobiom“ als Argument zu kommen braucht.

Die Hebammen hingegen erwarten oft ausgerechnet von Eltern, die gerade ohnehin aufgrund von Aussagen von Medizinern extrem verunsichert sind, dass sie quasi von selbst einsehen, dass nur das Bauchgefühl, der innere Dialog mit dem Kind und eine mysteriöse Sicherheit, die „irgendwie von innen“ kommt, zählen. Wer diese innere Sicherheit nicht hat, der hat halt Pech und ist irgendwie doof und sowieso viel zu apparategläubig, ellabätsch, selber schuld. Weil ja auch Apparate immer abstoßend und schlimm sind. Mein Neffe wäre allerdings tot, wenn es keine Apparatemedizin und keine Feindiagnostik gäbe. Nur durch diese Untersuchung wurde festgestellt, dass er einen Herzfehler hat und direkt nach der Geburt operiert werden muss, um nicht spätestens 1-2 Tage nach der Geburt zu sterben. Aber solche Fälle werden von Hebammen leider nur allzu gerne ausgeblendet, oder vielleicht schaffen sie es ja sogar, sich einzureden, dass meine Schwägerin das irgendwie eigentlich im Gefühl hätte haben müssen, wenn sie wirklich im Einklang mit ihrem Körper, dem Universum und dem Zen und dem Yin und Yang gewesen wäre, was natürlich nicht geht, weil Impfungen und Ultraschalle einem die Chakren vernebeln und so weiter und so fort. Ich glaube, spätestens jetzt ist klar, was ich mit der unmöglichen Entscheidung meine, oder? Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Hebammensicht ist so, als würde man von einem ehemaligen Krebspatienten verlangen, dass er auf die Routineuntersuchungen in dem berühmten Fünfjahres-Kontrollzeitraum verzichtet, weil er es doch schließlich „im Gefühl“ haben müsste, wenn er ein Rezidiv bekommt. Wenn er das nicht tut, pffft, dann hat er sowieso den Draht zu seinem Körpergefühl verloren und ist am Ende sogar ein bisschen selber schuld, wenn er ein Rezidiv bekommt, nach dem Motto „selbsterfüllende Prophezeiung“ – wer kein Vertrauen in den eigenen Körper hat, der fordert ja Krankheiten regelrecht heraus, das ist alles Schicksal und ergibt alles irgendwie irgendwo einen abgedrehten Sinn. Die Arztsicht ist so, als würde man von demselben Patienten ständig verlangen, dass er sich vorsichtshalber operieren lässt, obwohl sehr wahrscheinlich das Ding auf dem Ultraschall kein Tumor, sondern ein Pickel ist. Absurdes Szenario, oder? Aber genau vor diese Wahl werden schwangere Frauen ständig gestellt, und die Parallele liegt darin, dass es durchaus ebenfalls um Leben oder Tod geht.

Ich musste zum Beispiel gestern in der Geburtsklinik ein Papier (einen so genannten „Aufklärungsbogen“, obwohl der nichts mit Aufklärung oder wissenschaftlichen Fakten zu tun hat – siehe oben) unterschreiben, auf dem steht, dass ich mich gegen eine ärztliche Maßnahme (nämlich eine sofortige Einleitung, weil mein Kind angeblich zu klein ist) entscheide, obwohl mir klar ist, dass meine Entscheidung bedeuten kann, dass mein Kind in utero stirbt. Das fühlt sich echt scheiße an, denn nein, ich finde es überhaupt nicht OK, wenn mein Kind stirbt, und nein, ich finde es auch nicht OK, wenn meine Entscheidung so gedeutet wird, als würde ich dies willentlich oder auch nur leichtsinnig in Kauf nehmen. Habt ihr eigentlich den Arsch offen, Ärzte, die Leute sowas unterschreiben zu lassen? Ich habe mich gegen euren bekloppten Rat entschieden, weil ich ihn medizinisch für kompletten Unfug halte und große Zweifel daran habe, dass ihr gute Gründe für diesen Rat habt – damit meine ich Gründe, die aus medizinischer, wissenschaftlicher Sicht haltbar sind. Aber da ihr einem ja nicht verratet, was wirklich genau dahinter steht (weil ihr es selber nicht wisst und nur irgendwelche QM-Richtlinien befolgt, deren Hintergrund ihr nicht kennt) und man daher nie hundertprozentig ausschließen kann, dass ihr nicht doch einen Wissensvorsprung habt, der diese Empfehlung zu einer vernünftigen Empfehlung macht, die wirklich in meinem Interesse ist, bleibt ein letzter Zweifel, und dieser Zweifel kann einen verrückt machen. Aber geh mal mit diesem Zweifel zu deiner Hebamme. Ich hab’s versucht, und ich wurde nur genauso von oben herab darüber belehrt, dass ich nun zu meinem gesunden Bauchgefühl zurückfinden müsste, um zu wissen, was richtig ist. Na vielen Dank auch.

Dieses „gesunde Bauchgefühl“ kann man auch realitätsverneinende Blauäugigkeit nennen: Unsere Nachbarin hat dank ärztlicher Intervention zwei so blöde Schwangerschaften und Geburten gehabt, dass sie aktuell bei ihrer dritten Schwangerschaft beschlossen hat, kein einziges Mal zum Arzt zu gehen. Sie hat also keinen einzigen Ultraschall machen lassen, nicht einmal zum errechneten Termin, denn sie hat gestern Nacht mit einer Hebamme zu Hause entbunden. Genau das ist die letzte Konsequenz aus dem Psychoterror, dem die Frauen und auch die werdenden Väter unterworfen werfen –man wird einerseits übervorsichtig und will sich nicht in die Fänge und Mühlen einer gnadenlosen medizinischen Überwachung begeben, der es vorrangig darum geht, den eigenen Arsch abzusichern, und andererseits unvorsichtig, nur eben in der anderen Richtung. Hätte das Kind einen schweren Herzfehler, wäre sein Schicksal nun besiegelt.

Warum muss ich mich entscheiden? Warum ist es werdenden Müttern nicht beschieden, die medizinischen Möglichkeiten zu nutzen, die die moderne Technik bietet, ohne sich ihr und den Fallstricken des ärztlichen „Risikomanagements“ zu unterwerfen? Ich habe es versucht – genau das war mein Plan, indem ich diese Variante der Beleghebamme in Kombination mit der Geburtsklinik und den Routineuntersuchungen beim Frauenarzt wählte. Und dennoch bin ich gescheitert und bin mit beiden Seiten des Systems zusammengerasselt. Das ist nicht OK, und es bestätigt, was ich schon die ganze Zeit innerlich anprangere: der vermeintliche Widerspruch zwischen weitgehend ungestörter Geburt und medizinischer Vernunft muss im Interesse von Eltern und Kind aufgelöst werden. Der nimmt nämlich sogar so absurde Züge an, dass sowohl Arzt als auch Hebamme in gewissen Situationen beleidigt sind, wann immer sie vermuten, dass man dem jeweils anderen mehr glaubt: die Eltern kommen in Erklärungsnot und müssen ihre Loyalität unter Beweis stellen oder sich für angeblich fehlende Loyalität rechtfertigen, wo es doch eigentlich die Dienstleister sein sollten, für die Loyalität gegenüber den werdenden Eltern und dem werdenden Leben eine Selbstverständlichkeit sein sollte.


P.S. Inzwischen habe ich entbunden (eine komplett interventionsfreie Wassergeburt von ganzen dreieinhalb Stunden, übrigens mit dem Ergebnis eines total gesunden und überhaupt nicht zu kleinen Kindes) und bin mit meiner Hebamme wieder versöhnt. Ich stehe inhaltlich zu dem, was ich in diesem Beitrag ausgeführt habe, nämlich dem Anprangern der Tatsache, dass Eltern wie ich sich wie zwischen zwei Stühlen sitzend fühlen. Dennoch empfinde ich jetzt, dass diese Ausführungen nicht komplett wären, wenn ich nicht betonen würde, wie gut ich bei meiner Hebamme aufgehoben war und dass diese Geburtserfahrung sicher anders und ungleich schlechter gelaufen wäre, hätte ich mich ohne eigene Hebamme in die Hände der Klinik begeben.

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